SfB – Wochenbericht Nr. 09/2019

Presseschau

Früher, da ich unerfahren 
Und bescheidner war als heute, 
Hatten meine höchste Achtung 
Andre Leute. 

Später traf ich auf der Weide 
Außer mir noch mehre Kälber, 
Und nun schätz´ ich, sozusagen, 
Erst mich selber. 
[Wilhelm Busch, Kritik des Herzens]

Sehr geehrte Damen und Herren,

kennen Sie diese kleine Freude des Alltags, wenn Ihnen Ihre eigenen Beobachtungen, schön formuliert von unbekannter Hand, über den Weg laufen? So ein Beispiel begegnete mir kürzlich in einem Beitrag mit dem Titel „Die schleichende Evolution der Banalität“. Gefunden in den „Sprachnachrichten“ Nr. 81 (I/2019) des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS)(auf Seite 4)

Im Kern geht es um „. . . die begrenzte Fähigkeit des Bankgewerbes, sich mit seinen Kunden in der neuhochdeutschen Landessprache zu verständigen“.Womit beileibe nicht nur die Anglizismen beanstandet werden. Es ist unmissverständlich, dass es sich bei dem Beitrag um Satire handelt. Und Satire darf ja bekanntlich alles. Zwei Seiten lang unterhält uns der Verfasser mit witzigen Vergleichen und Zitaten. In der Fußnote werden dann Beispiele des Bänker-Jargons zitiert, etwa so:

  „Mit der Einreichung von Schecks und Wechseln zum Einzug überträgt der Kunde der Bank das Sicherungseigentum an den Papieren für den Fall, dass das Einzugspapier nicht eingelöst wird und der Bank aufgrund von Vorausverfügungen des Kunden im Hinblick auf das Einzugsgeschäft Ansprüche gegen den Kunden zustehen, und zwar bis zum Ausgleich dieser Ansprüche.“

So richtig aus dem wahren Leben gegriffen, denn wie viele Bankkunden gestehen schon gerne ein, dass sie diesen Text nicht gleich auf Anhieb verstehen. Es ist eben nicht so, dass es den Bänkern an der Fähigkeit mangelt, sich verständlich auszudrücken. Die hohe Kunst besteht doch genau darin, einfache Dinge „verklausuliert“ auszudrücken. Das schüchtert den gemeinen Kunden, der sich ohnehin in der fatalen Situation eines Bittstellers fühlt, bewusst ein.

Eine gerne gebrauchte Floskel der Banken, dass sich die Aktivitäten der Bank ausschließlich an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren, empört mich immer wieder auf besondere Art. Wer glaubt wohl dieser Behauptung? Im Beitrag liest es sich so:

Der Vorstandsvorsitzende einer deutschen Großbank verkündete in kurzen Abständen immer wieder die bahnbrechende Neuigkeit, sein Unternehmen wolle sich „in Zukunft ganz an den Bedürfnissen der Kunden“ ausrichten. In Zukunft? Das ist ein überraschender Einfall, etwas völlig Neues. Das hätten Anleger und Kreditnehmer nie zu hoffen gewagt. Nachdenkliche Kunden schließen daraus messerscharf: Wenn das wörtlich zu nehmen ist, sind wir wohl bisher schamlos über den Tisch gezogen worden. Sprache ist eben verräterisch.

Neben der Versicherung, dass sich das Unternehmen ausschließlich an den Bedürfnissen der Kunden orientiert, darf die Versicherung nicht fehlen, dass die Bank „gut aufgestellt sei“. 

Beispielsweise bei einer der beiden letzten dahinsiechenden Großbanken: Die ist, wie der ehemalige Vorstandssprecher seine Aktionäre wissen ließ, offenbar hervorragend „aufgestellt“. Schlicht gestrickte Publikationen übernehmen den skurrilen Begriff ohne Bedenken. Andere Konzerne schließen sich an. Auch die sind nach eigener Aussage gut aufgestellt. Damit stehen sie in ihrer Aufstellung ebenso gut da wie andere Großunternehmen: Sie alle sind aufgestellt wie Pappkameraden oder wie Erdmännchen im Zoo. Da stehen sie also und starren vor sich hin – ins Globale sozusagen. 

Wir erfahren weiter, dass die „Aufgestellten“ auch gut fokussiert sind, um, so vorbereitet, Konzepte und Strategien „umzusetzen“. 

Da werden nicht Theorien und Pläne verwirklicht, sondern umgesetzt, von hier nach da verschoben. Mangelnde Effektivität lässt sich schon aus der Sprache heraushorchen.

Es wurde inzwischen Mode in der Selbstdarstellung unserer Banken, gleichgültig ob privat, genossenschaftlich oder öffentlich-rechtlich, sich:

  1. An den Bedürfnissen der Kunden auszurichten,
  2. Sich gut aufzustellen,
  3. Sich zu fokussieren,
  4. Konzepte und Strategien umzusetzen.

Und was sagt uns das alles? – Nichts.

Lassen Sie es sich nicht verdrießen. Genießen Sie ein schönes Wochenende! O.K.