SFB – Wochenbericht Nr. 31/2019
Presseschau
Kirche und Wolkenkratzer[K. Tucholsky; 1930]
Es läuten die Glocken: Bim-bam-bim-bam;
Es sausen die Autos über den Damm;
Die Kirche reckt ihren Turm zum Himmel
Und macht Reklame mit ihrem Gebimmel.
Sie wirbt für den christlichen Gedanken –
Aber drum herum die Häuser der Banken
Sind eine Etage höher.
…………..
Und es beten die Pfaffen nach alter Art
Gegen sündige Teufelsgedanken.
Das Kirchenvermögen liegt wohlverwahrt
Nebenan, nebenan in den Banken.
Wer regiert die Welt -? Hier kann man das sehn.
Um alle Kirchen die Banken stehn
Eine Etage höher.
Sehr geehrte Damen und Herren,
bereits seit langer Zeit vor einem Mainhattan in der heutigen Form, demonstrierten Bänker Macht und Reichtum durch die Architektur. Diese Botschaft versteht jeder. Waren es dereinst Kirchen, so sind es heute Banken, deren Bauwerke am größten sein müssen.
Was ist aber nun plötzlich in die Bänker gefahren, dass sie bescheiden auftreten wollen? Ist das echt oder hat mal wieder der Wolf Kreide gefressen? Mit welchem Hintergedanken? Sicher fiel Ihnen der Beitrag vom 03.09.2019 in der Süddeutschen Zeitung auf, der dort unter dem Titel „Heute rot, morgen blau“ veröffentlicht wurde (Wir machten in unserer Presseschau unter dem Titel „Die kleine Revolution“ aufmerksam).
Da streben Volksbank und Sparkasse tatsächlich die gemeinsame Nutzung von Immobilien an, um Kosten zu sparen. Das soll schon in diesem Jahr mit zehn gemeinsamen Filialen beginnen und dann weiter ausgebaut werden. Sozusagen „im großen Stil“. Wohlgemerkt, es geht nicht um eine Fusion beider Kreditinstitute, sondern um eine Art Zweckgemeinschaft, zu der sicher noch manche Details unklar sind. Verblüffend erscheint die Variante mit den Lichtfarben: Ist die Filiale blau beleuchtet, dann ist die Volksbank aktiv. Ist die Filiale rot beleuchtet dann ist es die Sparkasse. (Das könnten auch bald die Parteien nachahmen, um ebenso Kosten zu sparen.) Nach den aufgeführten Argumenten im Artikel der Süddeutschen Zeitung scheint es nur Vorteile zu geben, keine Nachteile. Auf diese Realisierung darf man gespannt sein.
Zweifel scheinen allerdings bei der Frage berechtigt zu sein, wie sich wohl bei der großen körperlichen Nähe zweier Konkurrenten am Markt Wettbewerbsabsprachen vermeiden lassen. Hoffen wir mal, dass da nicht gerade ein „Frühstückskartell“ entsteht!
Ich bin jedenfalls begeistert davon, dass Kreditinstitute wahrhaftig innovative Gedanken entwickeln, die einen vernünftigen Spareffekt zum Nutzen aller Beteiligten hervorbringen. Oder habe ich hier doch den „Haken“ an der Sache übersehen?
Ein wunderschönes Wochenende wünsche ich Ihnen! Bleiben Sie gesund! O.K.