SFB – Wochenbericht Nr. 38/2019

Presseschau

Willst du genau erfahren was sich ziemt; 
So frage nur bei edlen Frauen an. 
[J. W. v. Goethe; Torquato Tasso]

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Sparkässler vergaßen offenbar, bei den edlen Frauen nachzufragen. Dabei wollte man doch immer geistig und sittlich verfeinert auftreten, um den Sparkassenkunden durch kultiviertes Verhalten zu beeindrucken. Wie haben sie sich noch vor Kurzem mit ihrem Dresscode schwergetan! Seitenlange Beiträge in den Medien, zur geradezu tollkühnen Entscheidung des letzten Sommers, einmal die Krawatte abzulegen . . . 

Die Zeiten ändern sich, jetzt wird es obszön: „Pi***el runter, Rente rauf“, den Medien ist es offenbar peinlich, den neuesten Werbespruch der Sparkasse zu zitieren. Nur gut, dass es Sternchen gibt. 

Wenn die Sprache vulgär, hetzend oder menschenverachtend wird, so wird das als „Verrohung der Sprache“ bezeichnet. Ein Problem unserer Zeit. „Durch einen negativ gefärbten Sprachgebrauch wird die Wahrnehmung verändert und in Folge auch das Verhalten“ (B. Lubisch, Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung

Der Klartext des Werbeplakates lautet: „Pimmel Runter, Rente rauf – 100 Wege, ein Kind zu verhindern, um die Rente zu sichern“.

Von der Wortwahl mal abgesehen, erschließt sich der Inhalt nicht sogleich. „Kinder verhindern, um die Rente zu sichern“? War die landläufige Meinung bisher nicht gerade umgekehrt: „Mehr Kinder, um die Rente zu sichern“? Im Referenzbeitrag der „Hannoverschen Allgemeinen“ findet sich die Erklärung: „Spätestens, wenn es etwas obszön wird, erkennen Zuschauer, dass es sich um Guerillamarketing handelt.“ 

Ach so, Guerillamarketing. Das bedeutet, laut Wikipedia, „eine ungewöhnliche Vermarktungsaktion, die mit geringem Mitteleinsatz eine große Wirkung verspricht“. Guerillamarketing heißt das Zauberwort für Werber, in das Bewusstsein der Menschen vorzudringen. Ein wenig unbehaglich scheint es den Sparkässlern schon zu sein, wozu sonst der Hinweis: „Die Banker stehen hinter ihrem Video“? 

Selbst unter der Annahme, eine schlüpfrige Sprache verkörpere fortan die neue Distinktion der Sparkasse, wo bleibt die Logik der Aussage? Würden sich die Renten für Frauen erhöhen, wenn es keine Kinder mehr gäbe? 

Was für ein Zusammenhang besteht zwischen der Arterhaltung und dem Aufgabenbereich einer Sparkasse? Liegt es in der Natur von Geldhändlern, gerne am großen Rad der Menschheitsgeschichte zu drehen? Diese Erscheinung ist ja gegenwärtig auch bei der Deutschen Bundesbank zu beobachten („Die Forderung der Bundesbank“; Presseschau vom 24.10.2019)  Die Bundesbank „fordert“ eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre und 4 Monate. 

Nach eigenem Bekunden ist es die vorrangige Aufgabe der Notenbanken, den Wert des Geldes zu schützen. Beim ehemaligen Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin, konnte man ja noch einen Alleingang vermuten, wenn er den Hartz IV-Empfängern Vorschriften zur Gestaltung des Brotbelags machte. Indes, wir verdanken ihm interessante Einblicke in die Arbeitswelt eines Bundesbankvorstandes: „Als Bundesbanker war die Arbeit der Woche nach eineinhalb Tagen dienstagmittags getan.“ Das erklärt schon einigermaßen, warum dergleichen Personen Muse haben, sich um ungelegte Eier zu kümmern.

Recht haben sie aber, die Bundesbänker. Denn es könnte ja sein, dass die Werbung der Sparkasse sehr erfolgreich ist und die Menschen ihre Fortpflanzung einstellen. Dann fehlt der Nachwuchs. Man soll den Einfluss der Werbung nicht unterschätzen. 

Lassen Sie es sich nicht verdrießen! Ein wunderschönes Wochenende wünsche ich Ihnen! O.K.

P.S. Falls Sie weiteres Interesse am Thema haben, möchte ich Sie auf das Buch: „Schamverlust: Vom Wandel der Gefühlskultur“ von Ulrich Greiner aufmerksam machen. Es ist bei Rowohlt in der 3. Auflage erschienen