SFB – Wochenbericht Nr. 39/2019

Presseschau

Habe Mut, dich deines eigenen 
Verstandes zu bedienen!“
 
[Immanuel Kant; Leitspruch der Aufklärung]

Sehr geehrte Damen und Herren,

da geriet mir neulich ein Büchlein von Albrecht Müller in die Hand. Es trug den etwas steifbeinigen Titel: „Glaube wenig - Hinterfrage alles – Denke selbst“ mit der Fußnote: „Wie man Manipulationen durchschaut“. 

Ich musste sogleich an gewisse Artikel der Medien denken, in denen die Leserschaft ob ihres „unmöglichen“ Verhaltens missioniert werden soll. In der letzten Woche gab es gleich mehrere Zeugnisse dieser Art: „Der deutsche Michel“ (Presseschau vom 28.10.2019). Die Quelle dieser Mitteilung findet sich bei Focus-Online, dort lautet der Titel: „Der dumme deutsche Sparer? Warum das Gros der Deutschen an Realitätsverlust leidet“  

Bei Publizisten, die sich im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit glauben, ist Vorsicht geboten. Zudem kann der belehrende Charakter derartiger Beiträge vom Leser als respektlos und unhöflich empfunden werden. Ähnlich wie im zweiten Beispiel: „Was aber ist die Wahrheit?“ (Pressestimme vom 31.10.2019). Die Quelle dazu, ebenfalls bei Focus-Online zu finden, trägt den Titel: „Schluss mit der Nostalgie: Hören Sie endlich auf, Ihr Geld aufs Sparbuch zu legen!“ Hier erhebt der Autor schon die Stimme, der Ton wird etwas rauer. Sollte hier tatsächlich eine Meinungsmanipulation dahinterstecken? Darüber ließe sich spekulieren.

Interessant ist dabei, dass die Situation an Vergangenes erinnert. Bereits Kurt Tucholsky empörte sich (am 07.07.1931) darüber, dass das Publikum für dumm verkauft wird, in seinem Gedicht „An das Publikum“. Es erscheint noch recht aktuell. Ich grüße Sie damit ganz herzlich und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! O.K.

An das Publikum [Kurt Tucholsky]

O hochverehrtes Publikum, 
sag mal: bist du wirklich so dumm, 
wie uns an allen Tagen 
alle Unternehmer sagen? 
Jeder Direktor mit dickem Popo 
spricht: „Das Publikum will es so!“ 
Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen? 
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“ 
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht: 
„Gute Bücher gehen eben nicht!“ 
     Sag mal, liebes Publikum:  
     Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät, 
immer weniger zu lesen steht? 
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein; 
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein; 
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn 
könnten mit Abbestellung drohn? 
aus Bangigkeit, es käme am Ende 
einer der Zahllosen Reichsverbände 
und protestierte und denunzierte 
und demonstrierte und prozessierte . . .  
     Sag mal, verehrtes Publikum: 
     bist du wirklich so dumm?

Ja dann . . .  
                   Es lastet auf dieser Zeit 
der Fluch der Mittelmäßigkeit. 
Hast du so einen schwachen Magen? 
Kannst du keine Wahrheit vertragen? 
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser-? 
Ja, dann . . .  
     Ja, dann verdienst du´s nicht besser.