SFB – Wochenbericht Nr. 45/2019

Presseschau

„Weder das Zukünftige ist noch das Vergangene, und man kann auch von Rechts wegen nicht sagen, es gebe drei Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vielleicht sollte man richtiger sagen: es gibt drei Zeiten, Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des Gegenwärtigen und Gegenwart des Zukünftigen. Denn diese drei sind in der Seele, und anderswo sehe ich sie nicht. Gegenwart des Vergangenen ist die Erinnerung. Gegenwart des Gegenwärtigen die Anschauung, Gegenwart des Zukünftigen die Erwartung.“

[Augustinus]

Sehr geehrte Damen und Herren,

eine physikalische Größe ist immer ein Produkt aus einem Zahlenwert und einer Maßeinheit. Von allen physikalischen Größen ist die „Zeit“ kaum fasslich, auch wenn uns das nicht immer bewusst wird. Sind wir doch von klein auf mit Zeitmessgeräten umgeben. 

Am Ende eines Kalenderjahres wird unser Verhältnis zur „Zeit“ metaphysisch. Wir fertigen Statistiken zur Vergangenheit an und erstellen Prognosen für die Zukunft, was nur das Zeug hält. Daraus werden Schlussfolgerungen gezogen, die Prognosen werden korrigiert, die Korrektur wird erklärt und begründet und wieder und wieder bearbeitet. Sind wir dann irgendwann in der vorhergesagten Zukunft angekommen, stellen wir fest, dass sowieso alles ganz anders kam als gedacht.

Aber „irgendwie“ bleibt der Blick in die Zukunft ein starkes Bedürfnis des Menschen, und da auf wissenschaftlichem Weg keine brauchbaren Ergebnisse möglich sind, bleiben ungewisse Deutungen und Prognosen, die nur durch Zufall das Richtige treffen. Weil es für komplexe Situationen viele Nebenbedingungen und Vorbedingungen gibt, die selten oder nie vorhersehbar sind.

Erinnern Sie sich an „Die Warnung der Ökonomen“ (Presseschau vom 13.11.19)? Auch nach vier Wochen immer noch auf Platz eins der Spiegel Bestseller, Sachbuch, „Der größte Crash aller Zeiten“, in dem die Autoren auch den Zeitpunkt des Crashs genau vorhersagen. 

Mit seinem „Weltsystemcrash“ liegt Max Otte immerhin noch auf Platz neun. Schließlich veröffentlichte er bereits 2006 ein Buch mit dem Titel: „Der Crash kommt“, in dem er die Finanzkrise von 2008 ankündigte. Lesen Sie dazu „Der Weltsystemcrash“ (Presseschau vom 14.12.2019), ein Interview mit Max Otte. Der Autor erklärt dort ehrlicherweise, dass die Genauigkeit seiner Vorhersage, im Buch „Der Crash kommt“, eher ein Zufall war.

Wie äußern sich eigentlich die Finanzprofis über die Zukunft? Christine Lagarde, die seit Anfang November der Europäischen Zentralbank vorsteht, wurde bereits durch „n-tv“ zur „Grande Dame der Finanzwelt“ ernannt (Presseschau vom 14.12.2019). Mehr Sachverstand als der einer „Grande Dame“ wird sich wohl kaum finden lassen:

Frau Lagarde beschreibt die Zukunft der EZB so, dass zunächst einmal „eine Überprüfung der bisherigen Geldpolitik“ erfolgen solle und versichert dazu: „Wir werden jeden Stein umdrehen“. Diese Überprüfung solle im Januar beginnen und vor Ende des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Dabei betonte sie, dass sie ihren eigenen Stil habe. 

Das ist doch mal eine seriöse Prophezeiung für die Zukunft: „Stilvolle Grande Dame der Finanzwelt beginnt im Januar damit, die bisherige Geldpolitik der EZB zu überprüfen, indem sie jeden Stein umdreht. Sie will diese Arbeit bis Ende des nächsten Jahres abschließen.“ 

Dazu erklärte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes (zweifellos ebenfalls ein ausgewiesener Experte): „die Überprüfung der bisherigen Geldpolitik mache Hoffnung“. Sieh mal einer an. 

Irgendwie finde ich es gut, dass endlich mal jemand die bisherige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank überprüfen will. Auch der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes findet das gut. Und der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung findet das auch gut, denn er sagte, dass Frau Lagarde „eine klare Vision für die kommenden Jahre“ habe. Und Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung findet es gut, dass Frau Lagarde keine schnellen Korrekturen wolle. Wobei das nun wieder an Thilo Sarrazin erinnert, der vom Arbeitspensum im Vorstand der Deutschen Bundesbank der Öffentlichkeit berichtete: „Als Bundesbanker war die Arbeit der Woche nach eineinhalb Tagen dienstagmittags getan“.

Sei es drum. Frau Lagarde wird die bisherige Geldpolitik sehr gründlich überprüfen und uns dann vom Ergebnis berichten. Und Wir, die Souveräne der Demokratie, werden huldvoll den Kopf neigen und den Bericht der Grande Dame gnädig aufnehmen.

Lassen Sie es sich nicht verdrießen. Ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen. Bleiben Sie gesund! O.K.